Das Flüstern des Geisterbaumes - Sophie André

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Das Flüstern des Geisterbaumes

Kurzgeschichten
 

Von allen Naturkatastrophen, die uns alljährlich ereilen,
bedrücken mich die wiederkehrenden Dürren in Zentralafrika am meisten.
Sie treffen fast immer auf Jene, die sowieso schon am Rand des Existenzminimums leben.
Und da sich das Problem alljährlich wiederholt, schweigt die "Erste Welt" inzwischen beinahe dazu ...

Doch in den Augen eines Kindes bleibt Dürre, was sie war, die Androhung von Hunger!

Die Kurzgeschichte wurde von mir ursprünglich für die Charity-Aktion: "Sandy und andere Naturkatastrophen" geschrieben, erscheint mir aber nach wie vor aktuell!


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Kleine Leseprobe:

Das erste Mal konnte ich das Flüstern des Geisterbaumes hören, als mein Vater uns verließ, um in die große Stadt zu gehen.
Mutter sagte immer, das sei nur das Rascheln des Windes in den trockenen Schoten, aber ich wusste es besser.

Alles um uns herum war trocken, doch nur der Geisterbaum sprach zu mir. Die Geister flüsterten mir zu, redeten mit mir.
Etwas Schreckliches würde geschehen.
Vater würde nicht zu uns zurückkehren. Keiner von denen, die gegangen waren, kam jemals zurück …

Doch Vater sagte, er müsse es versuchen …
Ein wenig Geld auftreiben, damit wir neues Saatgut kaufen könnten …

Ich erinnere mich noch gut daran, wie er eines Morgens davon zu sprechen begann, dass er fortgehen müsse. Er starrte dabei auf seine Schale mit Hirsebrei, deren Boden kaum bedeckt war. Er könne nicht zusehen, wie seine Kinder hungern müssten, erklärte er.

Doch meine Mutter hörte wohl etwas ganz anderes. Sie widersprach meinem Vater nie. Doch an jenem Morgen versuchte sie es dennoch … Sie sprach leise, doch ich verstand sie. Ihr „Bitte Buruk, tu das nicht …“ klang selbst für mich hilflos.

Als mein Vater wortlos unsere Hütte verließ, folgte ich ihm. Ich musste wissen, was er tun würde.

„Du musst das verstehen, Haile“, erklärte er mir. „Ich kann nicht hierbleiben und auf die Dürre starren …“
Er schwieg lange. „Du wirst der Mann im Haus sein, so lange, wie ich in der Stadt bin… ich werde zurückkommen und Saatgut mitbringen. Ihr werdet genug zu essen bekommen, wenn ich erst zurück bin!“

Zwei Tage später ging er und kam nicht wieder. Keiner von denen, die gegangen waren, kamen jemals wieder.
Und der Geisterbaum wusste es ebenso gut wie ich und flüsterte es mir zu.

 
 
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