Indianisch für Anfänger von Kerstin Groeper - Sophie André

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Indianisch für Anfänger von Kerstin Groeper

Buchvorstellungen

"Indianisch für Anfänger"
Kerstin Groeper
ASIN: B01CUZVAYC
ISBN-10: 3941485466


Beim Stöbern durch die Hitliste der Liebesromane eines bekannten Ebook-Anbieters fiel meine Aufmerksamkeit auf einen Titel, der mir das Nackenhaar nach oben jagte: "Indianisch für Anfänger". Gewiss bin ich mit einer ordentlichen Portion an Vorurteilen behaftet, was Geschichten über die sogenannten "edlen Wilden" angeht und ich wollte schon weiterblättern, als mein Blick auf den Untertitel fiel: "Ein Au-Pair-Mädchen auf Pine Ridge".
Nun ist Pine Ridge nicht irgendeine Reservation in den USA, sondern jene, die die vermutlich höchste Rate an Arbeitslosen und Alkoholkranken hält, und es war entweder nur einfältig, wenn die Autorin ihre Geschichte gerade dorthin verlegt hatte – oder aber hinter dem hübschen Cover in einem derzeit häufig verwendeten Design verbarg sich eine vielversprechende Geschichte.
Der Klappentext verriet allenfalls die Grundstruktur des Buches, doch beim Lesen der Vita der Autorin war die Frage nach dem Download schnell geklärt: Jemand, der Freunde unter den Native Indians hat, kann einfach nicht den üblichen Blödsinn aus Wild-West-Illusion und Adlerfedernkitsch schreiben. Und ich hatte recht!

Trotz des sozial kritischen Ortes, an dem die Geschichte spielt, hat Kerstin Groeper eine leichten, gut zu lesenden Liebesroman geschrieben. Kaja, die weibliche Hauptdarstellerin, ist mit ihrer großen Klappe, ihren spitzen Bemerkungen und ihrem trockenen Humor als "Ich"-Erzählerin eine Person, der man gedanklich gerne folgt. Ihre Interessen liegen mit denen anderer junger Frauen auf einer Welle: Shopping, Kino, Party … und Pferde. Schon bei ihrer Ankunft in Denver und ihren gedanklichen Kommentaren zu den dort befindlichen "Tornado-Shelters" wird klar: Sie ist nicht gut auf ihre Reise nach South-Dakota vorbereitet. Für die dortige Gastfamilie hat sie sich entschieden, weil diese nur ein Kind hat – statt der drei einer texanischen Alternativfamilie – und wegen der Pferde der Overstreets. Dass der Professor und seine kleine Familie im Reservat leben, scheint für sie unerheblich.
Ihre ersten Kontakte mit den nativen Einheimischen sind entsprechend chaotisch und der Mangel an kommerzieller Unterhaltung stellt für sie zunächst ein ernsthaftes Problem dar. Dennoch stellt sie sich der Herausforderung, für die an einem Hirnschlag erkrankte Gastmutter einzuspringen, meistert nicht nur die Betreuung des kleinen Sohnes Jaden, sondern auch den Haushalt und die Versorgung dreier Pferde. Nebenbei beschließt sie aus Mangel an anderen Vergnügungen einen Kurs im Reservatscollege zu besuchen. Die Auswahl ist spärlich. Da sie keine Lust auf englische Essays hat, entscheidet sie sich, Lakota zu lernen und stößt prompt auf Ablehnung und Widerstand von Seiten der indianischen Mitstudenten. Es dauert eine Weile, bis zumindest einigen unter diesen klar wird, dass Kaja nicht wie viele andere Touristinnen auf ein Abenteuer mit einem der Männer im Reservat aus ist.

Auf spielerische Weise gelingt es Kerstin Groeper, am Beispiel von Kaja einiges über Traditionen und Kultur der Lakota zu vermitteln. So wird diese unverhofft Mitglied einer traditionellen Tanzgruppe. Ihre Reitleidenschaft führt sie dazu, an zwei mehrtägigen Gedenkritten zu Ehren von Crazy Horse und der Opfer am Wounded Knee teilzunehmen.
Wer mag, hat hier die Chance, mehr über die Sioux zu lernen. Wer nicht mag, genießt die Beschreibung des beschwerlichen Rittes und die sprachlich großartigen Landschaftsbeschreibungen, die dennoch nicht ins Epische abdriften.

Dank einer ungelösten Matheaufgabe schleicht sich der ihr zuerst ablehnend gegenüberstehende Student Sonny in ihr Leben und erfordert ihre Beachtung. Als ältester Bruder von fünf jüngeren Geschwistern ohne Eltern quält sich dieser mehr recht als schlecht zu seinem Abschluss. Zunächst erscheint es merkwürdig, dass ihm gerade eine Frau aus Bayern Nachhilfe in der Lakota-Grammatik gibt. Doch selbst hier bleibt die Autorin glaubhaft.
Ebenso nachvollziehbar ist die Anziehung, die zwischen den beiden entsteht. Auch die Zweifel Kajas, ob sie mit den gewaltigen Kulturunterschieden und den Zweifeln der anderen Stammesangehörigen umgehen kann, sind für mich gut nachvollziehbar. Selbst nachdem zwischen den beiden klar ist, wie viel Zuneigung sie füreinander empfinden, überwiegt bei Kaja die Unsicherheit. Wieso sollte ein so charismatischer Mann wie Sonny gerade ein "dummes weißes Mädchen" wie sie wollen?

Kerstin Groebers Roman beeindruckt nicht nur, weil er eine angenehm unverhoffte Romanze erzählt. Mich hat fasziniert, wie die Autorin erfolgreich zeigt, dass soziale und kulturelle Grenzen überwunden werden können, ohne dabei belehrend zu wirken. Dabei gewährt sie dem Leser Einblick in eine Welt der indianischen Stämme, die den meisten Europäern vermutlich eher unbekannt ist. Folgt man den kleinen Hinweisen im Buch, kann man weitere spannende Entdeckungen  zur Geschichte der Sioux machen oder gar einem der erfolgreichen nativen Schriftsteller begegnen. Es lohnt sich auf jeden Fall, "Indianisch für Anfänger" aufmerksam zu lesen. Für mich eine absolute Empfehlung!


 
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