Luzide Träume oder "The Doors of Perception" - Sophie André

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Luzide Träume oder "The Doors of Perception"

Kurzgeschichten
 

Manchmal verstaubt der Blick und es bedarf einer gründlichen Reinigung der "Türen der Wahrnehmung", um mal wieder kurz über den Tellerrand zu schauen.
Wo und wann es auffällt, dass eine solche Säuberung nötig ist, weiß man allerdings vorher nie...

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Kleine Leseprobe:

Mit zunehmender Anzahl von Bereitschaftsdiensten steigt auch die Abneigung meines unwilligen Körpers, die möglichen Schlafzeiten zu akzeptieren. Das ist eine Tatsache, an die ich mich in den letzten fünfzehn Jahren gewöhnt haben sollte. Doch das habe ich nicht und so wächst mit dem zunehmenden Schlafmangel auch die Höhe des Stress- und Frustlevels.
Inzwischen ist es 2.30 Uhr. Ich warte mit dem Kopf auf der Schreibtischplatte in der Notaufnahme darauf, dass der Radiologe ENDLICH mit den Ergebnissen des letzten Notfall-CT´s rausrückt, kann dabei kaum noch meine Augen aufhalten und frage mich zum wiederholten Mal, was ich hier eigentlich mache. Das Wartezimmer scheint inzwischen leer zu sein, denn irgendjemand dreht am Dimmer das Licht auf „schummrig" - Herrgott nochmal!
Die Unklarheit, warum ich gerade hier sitzen muss, bleibt. Nur die Beleuchtung ist eine andere. Der Raum rückt ein wenig näher, die Krankenaktenstapel auf der Tischplatte werden deutlich höher und dann sitzt da dieser alte Herr auf meiner Schreibtischecke und betrachtete aufmerksam seine ordentlich manikürten Fingernägel.
„Du siehst nicht mehr richtig hin!", verkündet er mit einem Mal zusammenhanglos.
Wie bitte? Ich rappele mich ein wenig auf. Der Alte sitzt so kunstvoll gerade, dass mir mit meiner zusammengerutschten Haltung gerade unwohl wird. Also drücke ich meinen Rücken ein wenig mehr in die Senkrechte und ruckele unauffällig – wie ich hoffe – meine müden Knochen zurecht. Wo sind wir hier eigentlich?
„So sieht zur Zeit der Raum deiner Wahrnehmung aus", verkündet… ja wer? Ein bisschen erinnert mich der Mann an Sir Ian McKellen mit seinen vielen Falten und dem verschmitzten Gandalfgrinsen. Dann vielleicht auch wieder nicht? Der "Raum der Wahrnehmung" allerdings ist inzwischen ein enges Kämmerlein mit verstaubten Regalen voller Verpflichtungen und Regeln, voller Zwänge und Notwendigkeiten. Die Aktenstapel reichen bis an die Decke.
Neugierig sehe ich mich um. Das soll ein Abbild dessen sein, was ich noch mitbekomme? Unmöglich, denke ich. Und doch, in einem kleinen versteckten Winkel ganz hinten in meinem Verstand stimme ich Sir Ian zu.
„Du hast nicht einmal ein Fenster gelassen, um über das Alltägliche hinauszublicken", setzt dieser noch Einen obendrauf. Und wirklich, nun, da er es sagt, sehe ich es auch: Ich bin vollkommen von meinem Alltag eingeschlossen. Wie, bei allen guten Geistern hat es nur dazu kommen können? Hatte ich denn nicht vor langer Zeit so viele gute Vorsätze, mich von Stress und Routine NIEMALS einfangen zu lassen? Und nicht nur ich hatte diese perfekten Pläne gemacht. Alle meine Freunde in der Jugend wollten damals etwas bewegen, alles anders und besser machen. Nun aber gibt es keine Fenster mehr, die den Blick über das Offensichtliche hinaus ermöglichen, oder doch?

 
 
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