Rabenvolk - Sophie André

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Rabenvolk

In Arbeit
 


Zu Beginn des Zeitalters der Sesshaftwerdung der Stämme trifft das Dorf des Bärenclans ein schweres Unglück, dem nur die stumme Schari, Tochter Thorbrands, des Schamanen, durch einen Zufall entkommt.
Kann sie sich trotz des drohenden Winters behaupten?

Harl, ein nomadischer, eigenwilliger Jäger könnte ihr dabei eine Hilfe sein. Doch Scharis Stummheit ist auch ein schwerer Makel in jener frühen, von Aberglauben geprägten Zeit. Die damit verbundenen Risiken kann selbst Scharis Schönheit nicht wettmachen, oder?

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Still neigte sich ein warmer und freundlicher Sommer dem Ende zu. Die Gruppe um Thorbrand, den alten Medizinmann des Bärenclans, brachte die Früchte ihrer Anstrengungen mit einer ertragreichen Ernte ein.
Langsam aber stetig füllten sich die Speicher des Dorfes mit dem Korn, das sie in mühevoller Handarbeit dem Boden abgetrotzt hatten. Mehr und mehr Vorräte wurden angehäuft, getrocknete Früchte, Pilze, Nüsse. Das Fleisch des erlegten Wildes hing zum Räuchern über den Feuern. Der Winter würde wie in jedem Jahr lang sein, doch die Fülle versprach auch ein sorgloses Auskommen in den langen Monaten der weißen Schneedecke.

Zufrieden betrachtete Thorbrand die Erfolge seiner Gruppe, seines Stammes. Hier wurde endlich der unumstößliche Beweis  erbracht, dass es sich lohnte, an den Ufern des Eisenflusses zu siedeln. Lächelnd dachte er an die mahnenden, fast drohenden Worte seines jungen Freundes Harl, dem diese Lebensweise so fremd vorkam wie ein weißes Kaninchen im Sommer. Vielleicht würde der Jäger den Winter bei ihnen im Dorf verbringen und endlich begreifen, wie sinnvoll eine feste Niederlassung doch war. Im Stillen hatte der Schamane immer gehofft, dass Harl einen Blick auf seine einzige Tochter Schari werfen könnte.

Die junge Frau hatte alles von ihm erlernt, was er an Wissen je weitergeben konnte. Sie war von einem freundlichen  und zuvorkommenden Wesen, hatte ein hübsches Gesicht und eine ansprechende Figur. Sie würde problemlos Mutter sein können. Dennoch hatte sich für Thorbrands Tochter bisher kein Bewerber gefunden, denn all ihre Vorzüge konnten nicht über den Mangel hinwegtäuschen, der ihr ganzes Leben bestimmte. Schari, die Tochter Thorbrands, des Schamanen, war stumm. Eigentlich war es ein Wunder, dass der Stamm Thorbrand gestattet hatte, das Kind mit dem bedrohlichen Omen großzuziehen. Ein stummes Mädchen, dessen Mutter kurz nach der Geburt im Kindbett gestorben war, ließ auch noch die Ungläubigsten des Bärenclans erschaudern.
Trotzdem war es ihm gelungen, sich vor der Gruppe zu behaupten. Immerhin war er der Schamane und wer konnte also besser entscheiden, was gut oder schlecht für die Menschen seines Stammes war? Diese seine Stellung hatte schließlich den Ausschlag gegeben und die Tatsache, das er seinem Volk von vornherein versprochen hatte, Schari zur nächsten Schamanin auszubilden.
War ihre Stummheit als Frau ein unduldbarer Makel, so mochte sie doch gleichzeitig bedeuten, dass die Götter das Mädchen für sich beanspruchten.

Thorbrand glaubte nicht an solche Mutmaßungen, doch er gab derlei zu bedenken. Ihm war alles recht, was seine Tochter vor dem Ritualtod schützen konnte. Die Zeit hatte ihm schließlich recht gegeben. Aus dem winzigen Säugling war nach all den Jahren eine schöne, junge Frau geworden. Ihr Geist war rege und sie hatten nach und nach eine Reihe von Handzeichen erarbeitet, mit deren Hilfe sie sich ohne größere Probleme verständigen konnten.
Als die Zeit kam, da Schari begann, sich häufiger und weiter vom Lager zu entfernen, sei es um Früchte zu sammeln, sei es, um Ton aus den nahen Gruben für ihre Töpferarbeiten zu holen, hatte er ihr Einohr zur Seite gestellt, einen riesigen, aber gutmütigen Wolfshund, der durch sein bloßes Aussehen samt dem abgebissenen rechten Ohr eine deutliche Drohung war.
Bisher war Schari mit Einohr immer unbehelligt geblieben und so würde es auch weiterhin sein.

Er musste sich wirklich keine Sorgen machen, auch wenn sie schon einen Tag überfällig war.
Der Weg zu den Tongruben war lang und es war gut möglich, dass sie sich beim Sammeln der hellen, einzigartigen Erde länger aufgehalten hatte. Das alles wusste Thorbrand ganz genau und dennoch war der alte Mann seit dem Morgen unruhig wie ein Bär vor einem Bienenstock.
Vielleicht waren es die Gedanken an seine Tochter, die ihn von dem Offensichtlichen ablenkten, vielleicht die Freude über die gelungene Ernte oder die Erinnerung an vergangene Sommer, wer weiß das schon? An diesem Nachmittag aber beging Thorbrand, der Schamane des Bärenclans, einen verhängnisvollen Fehler.

Leise waren die Fremden mit ihren langen, außergewöhnlichen Booten den Fluss herauf gekommen. Nur die gleichmäßigen Schläge der Ruder hatten sie angekündigt. Da war keine Trommel geschlagen worden. Kein Ruf ertönte und dennoch griffen die Ruderblätter in vollkommenem Gleichmaß in die Strömung und trieben die beiden Langboote zügig auf das Dorf zu.
Als Thorbrand die Fremden entdeckte, hätte sein Volk möglicherweise noch einen Versuch der Flucht in die dichten Wälder wagen können, ohne allzu viele Angehörige zu verlieren. Doch der Schamane beging einen Fehler. Er glaubte, in den Ankömmlingen Freunde sehen zu dürfen und ging den Booten feierlich entgegen. Vergessen waren die Geschichten, die Harl, der Sohn Harands, ihm erzählt hatte. So beeindruckend und neuartig waren die Flussfahrzeuge, dass Thorbrand nicht die Gefahr dahinter erkannte. Er trat auf den Strand und sein Volk folgte ihm.
Als die ersten Kriegsschreie der wilden Nordländer ertönten, mochte er wohl noch mit einem letzten Atemzug die Gefahr erkannt haben. Doch es blieb ihm keine Zeit zu bedauern oder nach einer Lösung zu suchen. Durch die milde, spätsommerliche Luft drang das scharfe Sirren der eisernen Doppelaxt, die von der Hand des nordischen Häuptlings geschleudert, den Schamanen  zielsicher in die Brust traf und ihn zu Boden warf. Thorbrand, der Schamane des Bärenclans war sofort tot.

 
 
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