Samhain oder Die Nacht des Pendragon - Sophie André

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Samhain oder Die Nacht des Pendragon

Kurzgeschichten
 

Annag und Brian, zwei erfahrene Archäologen, finden am Tag vor Samhain innerhalb eines Henge eine megalithische Deponierung, in der neben bronzezeitlichen Schmuckstücken und Waffen auch mittelaterliche Münzen mit einem Drachenkopf geopfert wurden. In der folgenden Nacht geschehen auf dem Grabungsfeld merkwürdige Dinge. Es erscheinen die Hüter des Ortes, doch nicht in der Form, wie es sich mancher vorstellen würde.

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Kleine Leseprobe:


Schottland, Highlands, 30. Oktober, 4.00 Uhr morgens
Diese verfluchte Kälte!
Annag kroch tiefer in ihren Daunenschlafsack. Wenn die Nacht doch schon vorbei wäre und sie sich mit Brian wieder an die Arbeit auf dem Ausgrabungsfeld machen könnte.
Langsam ging die Saison zu Ende und noch immer hatten sie nicht den Durchbruch geschafft, auf den sie so sehr hofften, seit sie im Frühjahr entdeckt hatten, dass neben den Cairns, an denen sie nun schon gut  ein Jahr arbeiteten, eine zweite Fundstätte lag, die wesentlich älter und geheimnisvoller war.
Ein Jahr lang hatten sie unermüdlich geforscht. Zu Anfang waren es nur die Kuppen zweier Menhire gewesen, die sie im Sand der ehemaligen Flussbiegung zufällig entdeckt hatten. Inzwischen war es ihnen gelungen, den gesamten Henge freizulegen.
„Megalithkultur", hatte Brian ungeduldig gebrummt, nachdem sie den dritten aufrechten Stein gesichert hatten. Ihm ging es nie schnell genug und auch Annag ließ sich langsam von seiner Ungeduld anstecken.
Wenn der Spätherbst doch noch ein paar trockene Tage mit sich brächte!
Dann wollte sie auch die Kälte akzeptieren, ja, sie würde nicht einmal den Morgennebel  verfluchen, der sich tagtäglich auf die Erde legte und ihr das Handwerk erschwerte.
Feste, feuchte Erde war den Archäologen ein Graus.
Annag musste lächeln.
Heute würden sie nur zu zweit sein. Immerhin war Wochenende und die Truppe, wie sich ihre Grabungsmannschaft selbst oft scherzhaft nannte, hatte frei und war in die nächste Stadt gefahren, um wieder einmal unter Menschen zu kommen, die keine Erde unter den Fingernägeln trugen. Sie würden shoppen, sich dann in irgendeinem Pub den Bauch mit Fish and Chips vollschlagen und ordentlich mit Guinness und Single malt nachspülen.
Naja, bei der Kälte mochte ein Malt nicht das Schlechteste sein.
Annag verzog das Gesicht.
Gestern hatten sie im Dorf bei Alan gegessen. Der alte Bauer, dem der Grund gehörte, auf dem sie gruben, hatte seinen Namenstag gefeiert und ihnen tatsächlich Haggis  vorgesetzt.
Sie würde Brians Gesicht noch lange nicht vergessen, als er gehört hatte, was alles in diesem Gericht verarbeitet war. Dennoch hatte ihr Chef heldenhaft seinen Teller geleert und danach wie ein Schotte mit Alan getrunken und alte Legenden erzählt.
Als Alan dann angefangen hatte, über die Blutopfer für Cenn Crúach zu fabulieren, hatte sie die Müdigkeit übermannt, die der zweite Malt mit sich brachte, und sie war mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen.
Peinlich!
Brian und Alan hatten allerdings nur gutmütig gelacht und sie gemeinsam ins Zeltlager zurückgebracht.
Annag sinnierte weiter über den vergangenen Abend und schlief schließlich doch wieder ein.
Erst als sich die Sonne schon über die Bergkuppen erhoben hatte und versuchsweise die Nebel durchdrang, wachte sie auf.
Ein großartiger Duft von gebratenen Würstchen und Kaffee lockte sie aus dem Zelt.
Später, als sie mit Brian zum Grabungsfeld ging, waren die Nebelbänke fast gänzlich verschwunden. Der Tag versprach, schön zu werden.

30. Oktober, 12.00 Uhr Mittag
Ächzend erhob sich Brian aus seiner knienden Arbeitsposition und klemmte sich den Pinsel hinter das linke Ohr. Wie immer nahm seine uralte Nickelbrille dabei eine verwegene Schräglage ein, doch den Archäologen schien das nicht zu stören.
„Lass uns eine Pause machen, Anni", forderte er. „Wir sind doch gut vorangekommen und ich glaube nicht, dass uns jemand diese alte Steinplatte vor der Nase wegschnappt."
Annag grinste.
Sie hatte diesen Scherz schon hundert Mal gehört, einen Insider, der sich auf eine nie wirklich bestätigte Grabungskonkurrenz zwischen Max von Oppenheim und Lawrence von Arabien bezog, zwei ihrer berühmten Altvorderen, die um die Ausgrabungen am Tell Halaf gestritten haben sollten. Wie auch die dazugehörige Geschichte, die Brian, mit einer ordentlichen Portion Konfabulation, immer wieder gern seinen Studenten erzählte.
Lachend gingen sie zurück ins Lager, wuschen sich die verstaubten Gesichter und setzten sich dann zu einem frugalen Mahl zusammen.
„Heute Nacht ist Samhain …" überlegte Brian laut und lächelte Annag an.
„Wie wäre es, wenn du uns den Weg zu einem dieser Sids zeigst. Du müsstest ihn doch kennen, bei deinen gälischen Vorfahren und deinem Aussehen."
Annag grinste. „Du verwechselst mich wohl mit den Pikten, mein Lieber! Die waren klein und dunkelhaarig. Bei uns sind die Elfen eher von heller Lichtgestalt. Das `Klein und dunkel wie eine Fee` hat uns erst die Zimmer-Bradley beigebracht und in dieser Sache kann ich ihr unmöglich zustimmen."
Sie lachte hell auf.
„Ich wäre lieber eine Piktin als eine Elfe oder Fee. Die Frauen vom Kleinen Volk waren begabt, Kriegerinnen, Heilerinnen und", hier lächelte sie ansatzweise geheimnisvoll, „sie sollen Meisterinnen der Verführung gewesen sein."

 
 
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